
Beyond the Heart: Prävention, bevor das Herz erkrankt
BeiderBeyond-the-Heart-LecturesprachProf.Dr.UlfLandmesserüberdieZukunftderkardiovaskulärenPräventionunddarüber,wiePräzisionsmedizinhelfenkann,Risikenfrüherzuerkennenundgezielterzubehandeln.
Herz-Kreislauf-Erkrankungen sind nach wie vor eine der größten gesundheitlichen Herausforderungen. Viele dieser Erkrankungen entwickeln sich jedoch nicht plötzlich: Risikofaktoren wirken oft über Jahrzehnte, bevor es zu einem Herzinfarkt, einer Herzschwäche oder einer anderen klinisch sichtbaren Erkrankung kommt. Genau hier setzt die moderne Prävention an.
„Precision Health for Cardiovascular Prevention: A Vision for the Next Decade“ lautete der Titel des Vortrags von Prof. Dr. Ulf Landmesser bei der Vortragsreihe Beyond the Heart. Der Kardiologe und Direktor des Friede Springer Cardiovascular Prevention Centers am Deutschen Herzzentrum der Charité (DHZC) gab Einblicke in aktuelle Entwicklungen der kardiovaskulären Prävention und zeigte, wie genetische Informationen, moderne Bildgebung und neue Therapien künftig stärker zusammenspielen könnten.
Risiken erkennen, bevor sie zur Erkrankung werden
Bluthochdruck, erhöhte Cholesterinwerte, Diabetes, Übergewicht und Rauchen gehören zu den klassischen Risikofaktoren für Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Obwohl sie bekannt sind, werden sie häufig nicht rechtzeitig erkannt oder ausreichend behandelt.
Für Landmesser liegt eine wesentliche Herausforderung deshalb darin, den Zeitpunkt der Prävention neu zu denken. Ziel müsse es sein, Erkrankungen möglichst früh zu erkennen, idealerweise bereits in einem Stadium, in dem noch keine Beschwerden bestehen. Denn die Entwicklung beispielsweise einer koronaren Herzkrankheit beginnt nicht erst mit dem Herzinfarkt. Sie kann sich über viele Jahre und Jahrzehnte entwickeln. Dabei spielt die Zeit eine entscheidende Rolle: Je länger ein Risikofaktor wie ein erhöhter LDL-Cholesterinspiegel auf den Körper einwirkt, desto größer kann das Risiko für eine spätere Erkrankung sein. Genetische Untersuchungen haben hierzu wichtige Erkenntnisse geliefert und zeigen, dass eine lebenslange, bereits früh bestehende Veränderung eines Risikofaktors andere Auswirkungen haben kann als eine spätere Intervention.
Gene als Ansatzpunkt für die Prävention
Besonders eindrucksvoll zeigte Landmesser die Fortschritte bei der Erforschung genetischer Ursachen von Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Ein Beispiel ist das Gen PCSK9, das an der Regulation des LDL-Cholesterins beteiligt ist. Menschen mit bestimmten genetischen Varianten weisen ein deutlich geringeres Risiko für eine koronare Herzkrankheit auf. Diese Erkenntnisse haben inzwischen den Weg zu neuen Therapieansätzen bereitet. Mit sogenannten RNA-basierten Therapien lässt sich die Aktivität bestimmter Gene gezielt beeinflussen. Bei PCSK9 kann dadurch der LDL-Cholesterinspiegel über einen langen Zeitraum gesenkt werden. Landmesser berichtete von Erfahrungen mit einer solchen Therapie, deren Wirkung auf den LDL-Cholesterinspiegel auch Jahre nach der Behandlung noch nachweisbar war.
Noch weiter geht die Entwicklung des sogenannten Gene Editing. Dabei wird das Erbgut gezielt verändert, um einen krankheitsrelevanten Mechanismus dauerhaft zu beeinflussen. Erste Studien zu PCSK9 zeigen, welches Potenzial in diesem Ansatz liegen könnte. Gleichzeitig betonte Landmesser, dass Fragen der Sicherheit und der langfristigen Auswirkungen sorgfältig untersucht werden müssen.
Wenn Bildgebung und künstliche Intelligenz Risiken sichtbar machen
Präzisionsmedizin bedeutet jedoch nicht nur, genetische Risiken zu kennen. Auch moderne Bildgebung kann dazu beitragen, Gefahren früher zu erkennen. Ein Beispiel sind Untersuchungen der Herzkranzgefäße, bei denen mithilfe künstlicher Intelligenz zusätzliche Informationen aus CT-Aufnahmen gewonnen werden können. Dabei lassen sich beispielsweise Hinweise auf entzündliche Prozesse in den Gefäßwänden erkennen, die mit bloßem Auge noch nicht als klassische Gefäßverengung sichtbar sein müssen. Besonders relevant ist das mit Blick auf den Herzinfarkt: Landmesser verwies auf Untersuchungen, nach denen ein großer Teil der Herzinfarkte bei Menschen auftritt, die zuvor keine relevante Verengung der Herzkranzgefäße aufweisen. Genau diese Menschen sind mit klassischen Verfahren schwer zu identifizieren. Neue Verfahren könnten künftig dabei helfen, gefährdete Personen früher zu erkennen und präventive Maßnahmen gezielter einzusetzen.
Nicht jeder Mensch braucht dieselbe Prävention
Der Gedanke der Präzisionsmedizin geht dabei über die reine Risikoerkennung hinaus: Wenn bekannt ist, wer ein erhöhtes Risiko trägt und warum, können Präventionsmaßnahmen möglicherweise individueller gestaltet werden. Auch genetische Risikoscores könnten dabei künftig eine Rolle spielen. Landmesser zeigte am Beispiel des LDL-Cholesterins, dass Menschen aufgrund ihrer genetischen Ausstattung unterschiedlich stark auf bestimmte Risikofaktoren reagieren können. Gleichzeitig können Menschen mit einer entsprechenden genetischen Veranlagung besonders von einer gezielten Behandlung profitieren. Ein ähnlicher Ansatz wird im Rahmen der Precision-CVD-Studie verfolgt. Bei Patientinnen und Patienten mit koronarer Herzkrankheit werden unter anderem Bildgebung, Biomarker und genetische Informationen zusammengeführt. Ziel ist es, die individuellen Krankheitsmechanismen und das persönliche Risiko besser zu verstehen und daraus perspektivisch eine stärker personalisierte Behandlung abzuleiten.

Prävention beginnt nicht erst in der Kardiologie
Dabei beschränkt sich Prävention nicht auf klassische kardiologische Untersuchungen. Auch Faktoren wie Schlaf, Bewegung, psychische Gesundheit, Entzündungsprozesse und Impfungen können für die kardiovaskuläre Gesundheit relevant sein. Im Rahmen der Heart Health Study des Friede Springer Cardiovascular Prevention Centers werden deshalb bei zunächst gesunden Menschen zahlreiche unterschiedliche Parameter untersucht. Dazu gehören unter anderem Bildgebung, Biomarker, genetische Informationen, psychologische Untersuchungen, kognitive Tests, Bewegung und Ernährung. Die verschiedenen Daten sollen zu einem umfassenden Bild der individuellen Herz-Kreislauf-Gesundheit zusammengeführt werden. Erste Untersuchungen zeigen bereits bei Menschen ohne bekannte Herz-Kreislauf-Erkrankung Hinweise auf subklinische Veränderungen und Risikofaktoren. Künftig könnte künstliche Intelligenz dabei helfen, solche frühen Veränderungen in den umfangreichen Untersuchungsdaten noch besser zu erkennen.
Die Vision: Gesundheit erhalten, bevor Krankheit entsteht
Zum Abschluss seines Vortrags machte Landmesser deutlich, wie umfassend sich die kardiovaskuläre Prävention derzeit verändert. Neben den klassischen Risikofaktoren rücken genetische Faktoren, Entzündungsprozesse, Lebensstil und neue diagnostische Möglichkeiten stärker in den Fokus. Gleichzeitig kommen innovative, auf genetischen Erkenntnissen basierende Therapien zunehmend in die klinische Entwicklung. Die Vision der Präzisionsmedizin besteht dabei nicht darin, alle Menschen mit denselben Maßnahmen zu behandeln. Vielmehr geht es darum, individuelle Risiken möglichst früh zu erkennen, ihre Ursachen besser zu verstehen und Prävention dort einzusetzen, wo sie den größten Nutzen verspricht. Damit könnte sich auch das Verständnis von Herzmedizin verändern: weg von einer Medizin, die vor allem auf bereits eingetretene Erkrankungen reagiert, hin zu einer Medizin, die Risiken früher erkennt und Gesundheit möglichst lange erhält.
Den vollständigen Vortrag finden Sie auf unserem YouTube-Kanal: